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Trotzkopfs Schmetterlingstänze

von Georg Merten für 'Süddeutsche Zeitung' vom Montag, 12. Januar 1998

 

Zum Tode des Schweizer Örgelispielers Rees Gwerder

 

Der Zahn der Zeit erodiert zwar äusserst langsam, aber sicher die Alpen zu einer mitteleuropäischen Ebene nieder. Auch die alpenländische Volksmusiklandschaft ist wieder um eine trotzköpfige Charakterfigur flacher geworden: Rees Gwerder, der wohl eigenste und beste Spieler auf jenem kleinen, diatonischen Ziach-Akkordeon, das in Helvetien Schwyzerörgeli heisst, ist 86 Jahre alt in der Zentralschweiz gestorben. Interessant ist, dass die Neuigkeit Schlagzeile Nummer eins der Schweizer Nachrichten war - mit der ungewöhnlichen abschliessenden Bemerkung des Nachrichtensprechers, Rees Gwerder sei eins gewesen mit seinem Örgeli.

Widmet sich die grosse Kirchenorgel den hohen, hehren Himmeln, so war das kleine Örgeli Rees Gwerders definitiv und mindestens so heilig himmlischen Freuden auf Erden gewidmet: Am Feierabend vor dem Haus etwa nach einem harten Bauernarbeitstag und einer zünftigen Prise Schnupftabak, wo sich Rees Gwerder und sein Örgeli-Mitspieler Ludi Hürlimann gegenseitig melodisch umschwirrten wie zwei Zitronenfalter.

Dieses quirlige Sprudeln der Töne mit dem ruhigen Blick zum weiten Horizont transportierte Gwerder in die Enge jeder Bergwirtschaft und Stadtkneipe. Gwerder sagte, sein Vater und seine Publikum wären seine Musikakademie gewesen. Mit fünf Jahren begann er virtuos den Vater nachzuahmen, speicherte mit der Zeit gegen dreihundert urige Melodien im Kopf, ohne dass er je hätte Noten lesen können oder wollen. Weil er ein Mensch alten Schlages war, der sich selbst treu blieb, bewahrte er die ein wenig ungelenke aber charmante Eigenart des fünfjährigen Wunderknaben. Auch wenn man ihm hie und da mitteilte, seine Musik sei läppisch, wäre zum Tanzen ja gar nicht geeignet, zog er seinen ruppigen Stil kompromisslos durch und ist nun längst zur Legende alpenländischer Musik geworden. Er wurde zur Hauptfigur im sehenswerten Alpenmusik-Kinofilm 'Ur-Musig' von Cyrill Schläpfer, der in den letzten Jahren auch sein Produzent und Schüler wurde (Schwing Records). Vor einigen Jahren hat die Zeitschrift ‚Du' Rees Gwerder eine Nummer gewidmet. Es wurde über ihn geforscht und geschrieben. Das Geheimnis, seine Musik in Worten zu fassen, bleibt Herausforderung. Auf jeden Fall bringt sie nicht nur kleine Kinder zum Jauchzen. Weil Rees Gwerders musikalische Fröhlichkeit auch mit viel Melancholie durchflochten ist, wirkt sie echt. Mit seinem Tod ist er nun zum (Anti-)Helden einer Nostalgie geworden, die das langsame Verschwinden der natürlichen Urkraft in der Volksmusik beweint.

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