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Interview mit C. Schläpfer über Rees Gwerder

von Barbara Knopf für 'Radio Magazin' vom Januar 1998

 

Der legendäre Schwyzerörgeli-Spieler aus dem Muotatal Rees Gwerder ist Anfang dieses Jahres 86jährig in Arth SZ gestorben. Mit ihm hat die traditionelle Volksmusik in der Schweiz einen ihrer bedeutendsten Vertreter verloren.
Cyrill Schläpfer erinnert sich.

Cyrill Schläpfer, Sie waren ein Schüler und enger Freund von Rees Gwerder, haben seine letzten Tonträger produziert und ihm in Ihrem Film „Ur-Musig“ einen bedeutenden Platz eingeräumt. Was hat Sie an ihm so fasziniert?

Rees war verwachsen mit seinem Instrument, er war eins mit ihm. Er „interpretierte“ nicht einfach urchige Volksmusik, diese war Ausdruck seines Lebens, seiner Mentalität. Er war sozusagen die Tonspur von sich selbst. Mich faszinierte ausserdem seine starke Persönlichkeit, seine intensive Ausstrahlung.

Wie reagierte Rees Gwerder auf Ihr Projekt?

Ich ging eigentlich zunächst zu ihm mit dem Anliegen, bei ihm Schwyzerörgeli zu lernen. Ein Kollege von ihm nahm mich mal zu einem Besuch beim Rees mit. Vor der Haustür warnte er mich, ich solle ihm ja nicht „Herr Gwerder“ sagen, sondern einfach Rees. Und da sah ich ihn zum ersten Mal, den legendären Rees Gwerder: Er sass in der bereits halbdunklen Stube - es war gegen Abend - und man sah praktisch nur das Glimmen seiner Brissago. Er zündete das Licht nicht an, als wir da waren, und nach einer kurzen Begrüssung schwieg er zunächst einige Minuten. Es war seine Art, er war nicht gerade gesprächig und nicht besonders auf Höflichkeiten bedacht. Dann sagte er: „Du willst also Schwyzerörgeli lernen? Hast Du überhaupt ein Musikgehör?“ Bei ihm musste man seinen Willen, seine Bereitschaft wirklich bekunden, er förderte sie nicht.

Sie haben es vorher angesprochen, Rees Gwerder hat sich die rund 300 Tänze, die er am Schluss seines Lebens konnte, über das Gehör angeeignet. Hatte er anfänglich auch einen „Lehrer“, der ihm vorspielte?

Nein. Damals war die Situation der Musikanten nicht gerade rosig. Sie waren auf die paar Franken, die sie jeweils verdienten, wirklich angewiesen und waren verständlicherweise nicht ohne weiteres bereit, ihr Können weiterzugeben. So hörte sich Rees als Bub und junger Mann die Tänze an, um sie nachher nachzuspielen.

War es für ihn wichtig diese Musik unter die Leute zu bringen und ihnen eine Freude zu bereiten?

Jeder Musiker möchte das. Es findet auch ein Wechselspiel zwischen dem Publikum und dem Musiker statt. Rees sagte selbst, er hätte vom Publikum gelernt. Er war ein ausgesprochener Musikant, der das Bedürfnis hatte, zum Tanz auszuspielen.

Eine Schlüssel-Aussage von Rees Gwerder „‘s isch, wie s‘isch“. Können Sie diesen Satz erläutern?

Ich kann nur erahnen, war er damit meinte. Er fühlte sich im Mittelpunkt der Welt, dort, wo er gerade war; er liess sich nicht aus der Ruhe bringen, nach dem Motto: „C‘est la vie“; es war seine Lebensweisheit.  

Wie war seine Einstellung zu anderen Volksmusikanten oder zu neuen Tendenzen innerhalb der Volksmusik in der Schweiz?

Er hat sich eigentlich nur um seine Musik und vielleicht noch um die Volksmusik seiner Region gekümmert. Ein Appenzeller Zäuerli war führ ihn genau so fremd und exotisch wie für uns irgendwelche polynesische Tempelgesänge. Das wollte ich in meinem Film „Ur-Musig“ aufzeigen: Die gewaltigen Unterschiede, die es innerhalb der Volksmusik in der Schweiz gibt, auf so engem Raum. Jede Musik ist geprägt von der jeweiligen Landschaft und deren Mentalität. Rees sah nicht ein, wieso er sich jetzt mit anderen Musikarten hätte beschäftigen müssen! Er hörte praktisch nur seine eigene Musik, und das beeindruckte mich irgendwie. Mit den neueren Entwicklungen konnte er nichts anfangen. Es freute ihn, wenn jemand, der zu ihm „in Unterricht“ ging, alles genau so spielte wie er. - Was natürlich nicht möglich war.

Rees Gwerder war bis Anfang der 60er Jahre nur in seiner engeren Heimat bekannt. Dann wurden aber die ersten Aufnahmen mit ihm gemacht. Wie erklären Sie das damalige Interesse der Schallplattenindustrie für ihn?

Vorher war diese urchige Volksmusik tatsächlich gar nicht im Trend. Es ist aber nicht die Schallplattenindustrie, sondern der Professor für Zahnmedizin und Musiker Thomas Marthaler, der Rees Gwerder - und weitere Musikanten - entdeckte. Die Aufnahmen, die der Toningenieur Walter A. Wettler machte, verkauften sich gut, was das Interesse der Schallplattenindustrie weckte. Rees geriet allerdings in einen gewissen Zwiespalt, denn er war der Ansicht, dass diese Musik nicht nach aussen zur reinen Unterhaltung über Tonkonserven getragen werden musste. Musik hatte für ihn die Funktion, einen Ausgleich zur kargen, strengen Lebensweise zu schaffen; sie war ein Mittel, um zu überleben. Insgesamt hat er aber schliesslich über 100 Titel eingespielt.

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