"En alte Baucm chammer nu schwer versetze"

von Max Rüeger für 'Schweizer Illustrierte' vom August 1993

 

Vor drei Jahren hat der legendäre Schwyzerörgeler Rees Gwerder in seinem Heimetli die Platte „Ä g'hörige Schnupf“ aufgenommen. Jetzt lebt der 82järige im Altersheim, aber ruhiger geworden ist er nicht: Im Film „Ur-Musig“, der unverfälschtes Schweizer Brauchtum zeigt, zieht er nochmals alle Register seines Könnens.

Im Telefonbuch Nummer 13 gibt es unter „Arth“, Kanton Schwyz, 18 Abonnenten mit dem Namen „Gwerder“. Und zwischen „Gwerder Paul, Chauffeur“ und „Gwerder Thomas, Chauffeur“ findet man „Gwerder Rees, Schwyzerörgeler, Altersheim Hofmatt“. Dieser Eintrag ist neu, denn Rees hat erst am 2. Dezember 1992 in die Hofmatt gezügelt.

Sein Parterrezimmer liegt gleich links neben dem Hauseingang. Ja, ja, gesundheitlich gehe es ihm gut, einfach hie und da sei es ihm nicht so wohl. „I bi nonig so ganz dihei daa“, brummelt Rees. „En alte Baum isch halt cheibe schwierig z‘versetze.“ Ob er denn da noch auf dem Örgeli spielen würde, fragen wir ihn. Rees macht eine lange Pause, holt seine Schnupftabakdose aus dem Hosensack. „Mängisch tue-n-i na musige. Aber s isch im Abflaue. I bi müed i de Arme.“ Und dann zieht er einen seiner berühmten „Schnupf“ ein, hockt auf dem Sofa, wartet, wartet. Er soll erzählen, von früher, bitten wir ihn. Und da wird er munter, drückt seinen gebeugten Rücken grad.

Über siebzig Jahre habe er „görgelet“. Vom Vater im Heimetli zuhinterst im Bisistal habe er es gelernt. Noten kennt Rees Gwerder nicht, sein Vater sei schon ohne Noten ausgekommen. „Chasch es sälber lehre - ich has au müesse“, habe es geheissen. Und so hat Rees den Musikanten zugehört, sich die Melodien eingeprägt und hin und wieder neue dazu erfunden. Schon als Fünfzehnjähriger konnte er über hundert Tänze auswendig spielen, bis heute sind noch ungefähr dreihundert dazugekommen. Allen diesen Stücken habe einen Namen gegeben. „Vu dene Näme hani vill vergässe, aber d‘Melodie, die hani no all im Grind. Nu chämends halt nüme use.“

Das ärgere ihn, wenn da plötzlich ein falscher Ton dazwischenkäme. Und darum will er auch nicht mehr halbe Nächte lang zum Tanz aufspielen. Am Nachmittag von drei bis sieben Uhr, das mache er noch. „Aber dänn muess es z'Nacht gäh, und dänn isch Schluss.“

So ganz ernst ist es ihm allerdings nicht damit. Denn einige Minuten später erzählt Rees, er habe einen eigenen Schlüssel zum Altersheim er könne kommen und gehen, wann er wolle, und er sei auch schon erst um fünf Uhr früh heimgekommen. Was er denn so lange gemacht habe, wollen wir wissen. Er zieht an seiner Brissago und grinst. „Tänk gmusiget hani!“

Auf seine Musik ist Rees Gwerder stolz. Seine Tänze sind eng verbunden mit seiner engen Heimat, dem Muotatal, dem Bisistal. So, wie dort gejodelt und gejuzt und gespielt wird, so hat er zeit seines Lebens Musik gemacht. In den letzten 28 Jahren zusammen mit dem Örgeler Ludi Hürlimann und mit dem Bassisten Peter Ott. „Mir känne üüs usswändig“, meint Rees. „Ich mues nu zwee, drüü Chnöpf trukke - und schu weiss de Hürlimaa, was für es Schtückli chunnd.“ Ein Klavier hingegen wäre für eine Kapelle wie die seine nie in Frage gekommen: O-Ton Gwerder: „Das gheert nid zum Rees siinere Muusig.“

Seine Frau ist im Oktober vor drei Jahren gestorben. Er hatte ihr seinerzeit 1943 ausgeholfen auf dem Heimet, als ihr Knecht in die Rekrutenschule musste. Da sei sie allein gewesen, er sei zu ihr gezogen auf den Gängigerberg - „und do hett das Züüg Fäde ggäh“. Seine beiden Töchter sind in Arth verheiratet, da hätte er nach dem Tod der Frau schon wohnen können, aber mit den Schwiegersöhnen habe er seine liebe Mühe. „Die pässled mir gar nid“, sagt Rees, bei denen könne man sagen, „je verwandter, je verdammter“. Und die Töchter? „Ja die händ halt sozsäge nüüt zsäge!“ Aus diesem Grund sei er jetzt eben auch im Heim. Und nimmt es sogar langsam in Kauf, dass er jeden Tag um zehn vor acht geweckt wird für das Frühstück im Speisesaal. Und dass er dort immer den gleichen Leuten „grüezi“ und „adie“ sagen müsse. Das mache ihm schon noch Mühe. „Achtzig Jahr ischs ggange ohni das - und jetzt mues i plötzli tue wie anderi.“

Seine letzte Platte „Ä g'hörige Schnupf“ konnte er noch vor drei Jahren in seinem Heimetli im Gängigerberg aufnehmen. In ein Studio wäre er nicht mehr gegangen. „Aber de Schläpfer hed mi überschnurred und jetzt ischs si würckli guet worde.“

„De Schläpfer“ - das ist Cyrill Schläpfer, 34, Musiker und Filmer, der das Kunststück fertiggebracht hat, Rees Gwerder zur Mitwirkung in seinem Film „UR-Musig“ zu überreden. In dreijähriger Arbeit ist ein Film entstanden, der berauschend schöne Landschaftsbilder aus dem Muotatal und dem Appenzellerland mit unverfälschtem Brauchtum und originaler Musik verbindet. Da spielt Rees Gwerder nicht nur in verrauchten Alpbeizen seine Musik, sondern er taucht auch immer wieder als stiller Beobachter auf und schafft so den Bezug zum Zuschauer und den anderen Musikanten. Der Cyrill habe einen schönen Film gemacht findet Rees, allerdings „e paar Bättrüef hett er selle wägglaa“.

Vor den Fenstern im Zimmer von Rees Gwerder beginnt es langsam zu dämmern. Und Rees ist nun von dem vielen Erzählen etwas müde geworden.

„Miini Tänzli chammer au z'Amerika gheere“

Er rauche auch nicht mehr so viele Brissago wie früher: „Mit dene mues i uufpässle. Aber schnupfe - momoll!“ Langsam steht er vom Sofa auf, geht zum Wandschrank und nimmt dort ein Chutteli heraus. Und holt das Örgeli unter dem Tisch hervor. Fotograf Kurt Reichenbach will ein paar Bilder machen. „Jää, muess dänn das würggli sii?“ brummt Rees. Aber wir müssen ihn nicht lange bitten. Er freut sich. „Ich bi ja nid fotogen, aber d'Konkurrränz sell ruhig d'Schnurre uuftue wie siinerziit anno 1943, wo-n-i miis erscht Plättli gmacht ha.“ Und während er sich mit dem Schwyzerörgeli auf dem Stuhl in Positur setzt, meint er „Em Gwerder si Muusig hätt mer au chenne z'Amerika gheerre.“

Rees zieht zwei-, dreimal am Balg des Örgeli. Und dann beginnt er zu spielen. Die krumme Brissago glimmt. Die alt gewordenen Finger treffen die Örgeliknöpfe wie früher, und der Ludi Hürlimann und der Peter Ott sind unsichtbar mit dabei. Das Zimmer im Altersheim Hofmatt wird zur Älplerbeiz zuhinterst im Bisistal.

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