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Saurier der Volksmusik

von Christoph Wagner für 'Neue Zeitschrift für Musik' vom März 1994

 

Rees Gwerder und sein „Schwyzerörgeli“

Rees Gwerder ist volksmusikalisches Urgestein. 83 Jahre alt ist der Spieler des Schwyzerörgelis. Eigentlich daheim auf dem Gängigerberg hoch über dem Zugersee (Kanton Schwyz), wo keine Strasse, nur noch ein Feldweg hinführt, lebt er heute im Altersheim in Arth, das gleich neben der Kirche steht. Gwerder lädt uns in seine Stube zum Zuhören ein. Ganz so wie aus seiner Pfeife die Wölkchen quellen, zieht er aus seiner Ziehharmonika die feinsten Melodien. Sein Instrument ist noch einmal zwanzig Jahre älter als er, ein Eichhorn-Örgeli, das er in einem Kasten im Wandschrank aufbewahrt.

Gwerder spielt die alten Tänze - Walzer, Polkas, Schottische - bis heute so, wie er sie als kleiner Bub im Familienkreis gehört hat, als er mit sieben auf der Handorgel seines Vaters zu üben begann. Das war eigentlich verboten, deshalb musste es heimlich geschehen. Niemand hat ihm irgend etwas gezeigt - im Gegenteil. „Chasch es sälber lehre, ich has au müesse“, pflegten die Grossen zu sagen. Trotzdem wuchs sein Repertoire stetig. Schon in der Grundschule habe er hundert Titel auswendig gekonnt, erzählt er, zweiteilige Tänze zumeist, sogenannte „Stümpeli“. Jetzt, im Alter, schöpft er aus einem Fundus von ungefähr 250 Titeln, wovon etliche auf dem eigenen „Mist“ gewachsen sind. Während der langen Arbeitsstunden auf dem Feld hat man den Kopf frei. Wenn einem dann eine Melodie im Hirn herumschwirrt: Sofort rein ins Haus und ausprobiert. Soviel Freiheit muss man haben. Andere Stücke spielt er, weil es sonst niemand mehr tut. Mazurken etwa, die längst aus der Mode gekommen sind, oder die alten Massolker - „Die wänds hüt fascht nüme“.

Vor genau 64 Jahren hatte Rees Gwerder seinen ersten öffentlichen Auftritt, am Fasnachts-Montag in der Gemeine Schwyz im Gasthaus „Alperöösli“, das weiss er noch genau. 15 Stunden - von nachmittags bis zum nächsten Morgen - hat er ununterbrochen musiziert - was damals eigentlich nichts Besonderes war, sondern die durchschnittliche Dauer des Engagements einer Tanzkapelle. 18 Franken gab‘s dafür für ihn und seinen Partner. Unzählige Auftritte sind seither dazugekommen. Einzelne sind im Gedächtnis haften geblieben: 1939 spielte er das erste Mal auf der „Bergchilbi“ (Kirmes) in Riemenstalden, das nur durch einen dreieinhalbstündigen Fussmarsch bergwärts zu erreichen war. Zwei Tage dauerte sein Auftritt. Pausen waren selten. Dann ging‘s die gleiche Strecke zurück - dreieinhalb Stunden „Alpabtrieb“. Von da an war er 40 Jahre lang der Chilbi-Musikant dort.

Auch heute noch orgelt er am liebsten im kleineren Kreis, auf Hochzeitsfesten und Geburtstagsfeiern, weil‘s da lustig zugeht. Schon über fünfzig, nahm er erst 1962 seine erste Platte auf. Schweizer lassen sich Zeit - ein Spätentwickler eben. Gwerder verharrt bis heute im alten Stil, er rupft seine Ziehharmonika und „sägt“, obwohl das mittlerweile verpönt ist. Die Jungen, die gepflegte Folklore spielen, sind alles Virtuosen. Die Tonleitern rauf und runter. Davon hält Rees Gwerder nichts. Er bevorzugt einen festen Rhythmus und klare Melodien. So hat‘s der Vater gespielt. Warum soll man daran etwas ändern? „‘S isch, wie‘s isch“, sagt er.

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