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G'hörigi Volksmusig

von Hermann Koch für 'WOZ' vom Juli 1992

 

Wenn, dann wird an dieser Stelle fast immer auf ausländische Volksmusikgruppen oder - veranstaltungen hingewiesen. Das einheimische Schaffen fristet ein Mauerblümchendasein. Doch keine Angst, zum Ausgleich wird hier nun nicht für „Volkstümliches“ im Stile von Maja Brunner geworben; auch nicht für den unter dem gleichen Stichwort immer häufiger zu hörenden Oberkrainer-Sound, der die schweizerische Volksmusik verdrängt, oder für die reine Ländlermusik. Hier geht‘s um „g‘hörigi“ - ein Schwyzer Ausdruck für richtig, echt, stark - Volksmusik im ursprünglichen Sinne. Gespielt wird sie vom bald 81jährigen Muotathaler Rees Gwerder auf seinem hundertjährigen Schwyzerörgeli. Das „letzte Rauhbein der Schweizer Volksmusik“, wie Jakob Andreas Gwerder - kurz Rees genannt - von Kennern der Szene bezeichnet wird, gilt als „wandelnde Phonothek“. Grund: Er verfügt über ein fast unerschöpfliches Repertoire an alten Tänzen, die er durch sein Spielen in die heutige Zeit hinüberrettete. Dies, ohne je selber Noten zu lesen oder zu schreiben, sondern bloss durchs Einprägen und möglichst genaue Nachspielen (Fachausdruck: Nachziehen), so wie er es von seinen Vorfahren im Muotatal/Bisistal gehört hat. Ein Autodidakt, der mit fünf Jahren einfach auf der Orgel seines Vaters herumzufingern begann.

Da verwundert es nicht, dass die von ihm gespielten Massolker, Schottisch, Polka oder Ländler nicht dem momentan gängigen Folkoresound entsprechen und nur nach Jubel, Trubel und Heiterkeit tönen. Die als heiter, unbeschwert daherkommenden Klänge tönen manchmal etwas fremdartig, und viele Stücke verbreiten hintergründig eine melancholische Stimmung, ähnlich wie bei alter Appenzeller-Musik. Kein Wunder, schliesslich herrschte in den Alpen nicht nur immer Sonnenschein, eitel Glück und Freude, und die lange Einsamkeit mag das ihre zu dieser Musik beigetragen haben.

Rees, der immer mit einer „Chrummen Brissago“ im Mund spielt, ist einer der wenigen, die auch sogenannte „Stümpeli“ spielen, zwei- statt dreiteilige Tänze. Die 24 Stücke auf seiner neusten Einspielung „Ä g‘hörige Schnupf“ - u.a. mit Walzern De Alperöösler, de Tschümperli oder dem Walzer-Stümpeli Riemestalder-Chilbi - wurden alle bei Rees zu Hause auf dem „Gängigerberg“ oderhalb Arth/SZ aufgenommen, also unbeeinflusst von Studioatmosphäre und ohne die Publikumskulisse von Liveaufnahmen. Begleitet wird Rees von Ludi Hürlimann (Schwyzerörgeli) und Peter Ott am Bass, also die klassische Schwyzerörgeli-Formation. Viel Spass beim Hören der Tänze von Rees!

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