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Eine Musik aus einer anderen Zeit

von Franz Steinegger für 'Neue Schwyzer Zeitung' vom 05. Januar 1998

Schwyz: Der Muotathaler Volksmusiker Rees Gwerder ist in Arth 87jährig gestorben

Die Musik des unscheinbaren Berglers Rees Gwerder setzte Massstäbe. Sie kam aus einer anderen Welt und war gerade deswegen unwiderstehlich modern. In der Nacht auf den Sonntag ist der "König des Schwyzerörgelis" 87jährig gestorben.  

Man musste kein Ländlerliebhaber sein, um sich von seiner Musik begeistern zu lassen. Er war, das darf ohne Einschränkung gesagt werden, der grosse alte Mann der echten, urtümlichen Schweizer Volksmusik. Keiner konnte ihm das Wasser reichen.

Musik aus der Steinwüste

Die wilde Natur, von der er in seinen Jugendjahren umgeben war, prägte ihn und seine Musik bis ans Lebensende. Wer ihn "Herr Gwerder" nennen wollte, musste zweimal nachfragen, bis es klar wurde, dass er nur der "Rees" war.

Er wurde 1911 geboren. Sein Vater bewirtschaftete ein kleines Heimwesen im Muotatal und eine nicht viel grössere, steinige Alp zuhinterst im Bisisthal, das "Eigeli". Deshalb nannten ihn die Einheimischen "dr Eigeler". Für den Weg in die Gesamtschule nach Bisistal benötigte er fast zwei Stunden und wehe, wenn er nicht vorher noch die heilige Messe besuchte: Dann gab es Schläge vom Lehrer Herkommer, der zugleich auch Kaplan im kleinen Bergdorf war.

Talent in die Wiege gelegt

Diesen harten Boden und dem damit verbundenen entbehrungsreichen Leben entsprang ein unverfälschter Charakter, den er bis zuletzt bewahrt hatte. Dazu wurde ihm ein Talent in die Wiege gelegt, das den unscheinbaren Bergler zum für Insider angesehensten Volksmusiker der Schweiz werden liess. "Ich konnte meine Nase noch kaum über die Tischkante strecken, da nahm ich das sechsbässige Schwyzerörgeli des Vaters und begann zu spielen", erinnerte er sich anlässlich seines 80. Geburtstags, wo er im "Sternen" in Arth aufspielte, dass die (Freuden-) Tränen flossen. Und wenn der Kleine den Vater fragte, ob er ihm einige Melodien beibringen könne, so antwortete dieser stets: "Chasch es sälber lehre, ich has au müesse."

Das erste Örgeli verrostete

Rees hatte Glück. Da er einer musikalischen Familie entstammte, konnte er die "Tänzli" nach ein- oder zweimaligem Zuhören selber spielen: Zeitlebens kannte er keine Noten. Im Alter von 30 Jahren erstand sich Rees Gwerder sein eigenes Schwyzerörgeli. Mit diesem ging er in Hinterthal auf die Brücke und spielte mit seinen Kollegen. Dies wurde dem Musikinstrument zum Verhängnis. Es ertrug die wechselnden Wetterbedingungen – vor allem die Nebellagen – nicht, die Tonmembranen waren schon nach zwei Jahren verrostet. 1930 trat der Virtuose im Restaurant Alpenröösli in Schwyz erstmals öffentlich auf. Danach spielte er während Jahrzehnten an der Chilbi in Riemenstalden. Das Örgeli geschultert, wanderte er zu Fuss von Muotathal über die Goldplangg in die Schwyzer Gemeinde und morgens früh wieder zurück. 1945 heiratete er eine Witwe im Gängigerberg oberhalb Arth. Zusammen zogen sie auf dem Landwirtschaftsbetrieb drei Töchter auf.

Später Ruhm

Für die Plattenindustrie entdeckt wurde Rees Gwerder zu Beginn der 60er Jahre vom Volksmusikanten und Akademiker Professor Thomas Marthaler. Er nahm insgesamt elf Tonträger auf. Seine letzte Einspielung machte der "König de Schwyzerörgelis" mit 80 Jahren. Er war auch einer der Protagonisten des Musik- und Ländlerfilms "UR-Musig"  des Luzerners Cyrill Schläpfer. Die letzten Jahre verbrachte Rees Gwerder im Altersheim in Arth. Seinen letzten öffentlichen Auftritt bestritt er 1995. Ein Jahr später feierte er mit vielen Musikfreunden seinen 85. Geburtstag. Bei dieser Gelegenheit griff er ein letztes Mal in die Tasten des Schwyzerörgelis. Er klagte, dass die Finger nicht mehr wollten, wie der Kopf wolle. "Oben geht es schon noch", sagte der geistig rüstig gebliebene Rees, "aber unten kommt nichts mehr raus".

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