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"Campari Soda ist tatsächlich von Ihnen?"

von Marcel Reuss  für ‚Tagesanzeiger’ 24.11.06

Wäre der Stimmungsaufheller Prozac ein Lied, es könnte so klingen: Ein Intro mit einem fröhlich lamentierenden Sax, ein dezentes Piano im Hintergrund und im Vordergrund viel, viel akustischer Raum. Und wäre Prozac ein Lied, eine Stimme würde darin weniger singen als sagen:

Ich nimme no en Campari Soda
Wit unter mir liegts Wulchemeer
de Ventilator summet lieslig
es isch als gäbs mich nüme meh

«Campari Soda» - komponiert hat den Seelentröster der Zürcher Dominique Grandjean. Das war 1977 und Grandjean Assistenzarzt im Burghölzli. Mit der Band ‹Taxi› hat Grandjean den Song mit zehn weiteren im Studio eingespielt. «Es isch als gäbs mich nüme meh» hiess die Platte, 600 Stück betrug die Auflage. Danach hatte «Taxi» ihren Zweck erfüllt. Grandjean gründete die Gruppe «Hertz» und «Campari Soda» ging vergessen. Erst das Radio und Cover-Versionen machten den Song in den 80er-Jahren zum Hit. Zum Fast-Volkslied, mit dem zurzeit die Swiss wirbt. Und Grandjean? Der heute 62-jährige geriet in der breiten Öffentlichkeit in Vergessenheit und arbeitet seit Jahren in der eigenen Praxis als Psychiater.

Herr Grandjean, Ihr «Campari Soda» setzt zu einem neuen Höhenflug an und bei Ihnen scheints, als ob es Sie nicht gäbe.

Als ich das Lied schrieb hätte ich nie gedacht, dass es einen solchen Erfolg haben könnte. Aber das ist das Schöne daran. Das Lied hat als Selbstläufer Karriere gemacht. Dass ich dabei als Phantom im Hintergrund blieb, war mir immer Recht.

Gab es Situationen, in denen der Song am Radio lief und sie so nebenbei fallen liessen: Das ist übrigens von mir?

Nein. Einige Mal passierte es, dass ein Gespräch auf Musik kam und ich sagte, dass ein Liedli von mir hin und wieder am Radio laufe. Welches, wurde ich gefragt? Ich sagte ‹Campari Soda› und meine Gesprächspartner fielen jeweils fast vom Stuhl. ‹Was, das Lied ist von Ihnen?›

Und das geniessen Sie? 

Sicher. Dem Ego tut das gut.

Hat man Sie angefragt wegen dem Spot?

Ja, letzten September.

Und Sie haben sofort zugesagt?

Kurz gezögert habe ich. Aus der schöngeistigen Überlegung, dass mein Lied nun runtergestutzt wird auf einen Flugzeugsong. Ich habe mir Bilder vorgestellt von Stewardessen, die Campari Soda servieren und einem Passagier, der zum Fenster hinaus blinzelt. Meine Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Ich finde den Werbefilm richtig schön und habe keine Angst, dass mein Song nun für immer der Flugi-Song sein wird.

Wie ist ‹Campari Soda› entstanden?

Lange her, ich habe damals in einem Keller (Anmerkung: Das Kellerstudio gehörte Dieter ‹Yello› Meier) für mich Songs komponiert. Als ich 10,12 beisammen hatte, wollte ich unbedingt in ein richtiges Studio, um sie, wie die Grossen, aufzunehmen. So ist ‹Taxi› entstanden.

Und was hat es mit ‹Campari Soda› auf sich?

Was ich noch weiss, ist dass ich hin und wieder nach Marokko geflogen bin.

... und Campari Soda getrunken haben.

Nein, den habe ich wenn, eher in Zürich getrunken.

Sie hätten sich im Lied also auch einen Whisky Cola genehmigen können.

Im Prinzip, ja. Für den Campari gab es keinen speziellen Grund  vielleicht der künstlerische Instinkt. Campari Soda ist kein hartes Getränk und die Silben fliessen besser als bei Whisky Cola. Die Worte klingen auch nicht nach Rausch, sondern vermitteln eher so etwas wie eine Befindlichkeit auf hohem Niveau. Wohlverstanden, das sage ich alles heute. Damals habe ich mir nicht so viel überlegt.

Empfanden Sie das Lied gleich als Wurf?

Nein. Mir fiel nur auf, dass es der einzige meiner Songs war, der sich nicht reimte. Später im Studio spürte ich, dass es ein spezieller Song ist. Wir verzichteten darauf  und heute mag das selbstverständlich sein, Schlagzeug und Bass einzuspielen. Dadurch erhielt ‹Campari Soda› auch seine Leichtigkeit.

Die damals quer in der musikalischen Landschaft gestanden haben muss.

Im Trend lag der Song sicher nicht. Punk kam auf und unsere Platte wurde nicht beachtet  von mir aus auch zu Recht. Zwar wurde am Radio das eine oder andere Stück gespielt, ‹Campari Soda› war aber nicht dabei.

«Campari Soda» war also, als ob es das Lied nicht gegeben hätte - bis es entdeckt wurde. Grossen Anteil hatte Stephan Eicher.

Ja, vor allem er.

Hatten Sie damals Kontakt mit ihm?

Wegen dem Song nicht. Gekannt habe ich ihn und vor einem halben Jahr im Coop zufällig getroffen. Er hat sich vielmals bedankt, ich habe mich vielmals bedankt und er meinte  und vielleicht wollte er mir nur schmeicheln  es sei verrückt, man wolle von ihm ständig ‹Campari Soda› hören.

Hat es Sie wirklich nie gewurmt, dass Ihr Song ohne Sie gross geworden ist?

Wieso sollte es? Ich habe lange geglaubt, die Stärke des Songs, hänge ganz alleine von mir ab. Aber spätestens Eicher und jetzt auch der Swiss-Spot zeigten und zeigen mir, dass es nichts mit mir zu tun hat. Man kann das Lied anders interpretieren und es funktioniert trotzdem.

In England wären Sie ein gemachter Mann mit einen solchen Hit.

Wenn Sie die Tantiemen ansprechen, leben könnte ich nicht davon. ‹Campari Soda› ist eher wie ein Wasserhahn, den man nicht abstellen kann. Er tropft und tropft - dank Stephan Eicher.

Was ist eigentlich aus den Mitgliedern von «Taxi» geworden?

Zu den beiden Brüder Vogel habe ich keinen Kontakt mehr. Sie fristen ihr Leben schon seit vielen Jahren in Italien. Und auch Bassist Martin Walder, mit ich ‹Hertz› gegründet habe, lebt seit gut 10 Jahren in Irland.

Und aus Ihnen, dem Musiker Dominique Grandjean?

Es gibt ihn noch. Seit zwei Jahren üben wir mit ‹Hertz› und hatten bereits einige kleinere Auftritte und nächsten Frühling starten wir eine Art Tournee  mit alten und neuen Liedern.

Neue Songs  über was singt man mit 62?

Merkwürdigerweise wieder über die Liebe, aber nicht nur. Eines handelt von der civilisation multiethnique und eines ist wie eine Art Gebet, ein Mönchssingsang. Kurz: An Themen fehlt es nicht.

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