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Die Heimatlieder der Punks

von Samuel Mumenthaler für Berner Zeitung, 21.12. 2002

 20 Jahre nach ihrer Auflösung lebt die Zürcher Band Hertz auf CD wieder auf. Ihr Motto: «Musik zerschlägt die Zeit.»

 Hertz waren keine Stars - auch nicht zu ihren Lebzeiten zwischen 1978 und 1983. Dazu war die Band aus Zürich zu gewöhnlich und zu experimentierfreudig. Zu schweizerisch nüchtern und zu zürcherisch dadaistisch. Zu viel Understatement, zu wenig Unterleib. Hertz galten als Punks und veröffentlichten einige ihrer Platten auf dem Label der Gebrüder Eugster, deren Trio die politisch korrekten Zeitgenossen damals wacker als «Unterhaltungsbrunz» verhöhnten. Sie jodelten beher(t)zt und monotonten wie die teutonischen Technopioniere von Kraftwerk. Sie surften durchs Kräftefeld der Sternenwelt und vertonten eine amtliche Biografie des populären SP-Bundesrats Willy Ritschard. Bei Hertz kam kein Wort zu viel, kein Ton zu wenig.

 «Campari Soda»

 Hertz waren die Nachfolgeband der Zürcher Szeneband Taxi, deren Song «Campari Soda» heute schon fast ein Schweizer Volkslied ist. Was sich bei Taxi angedeutet hatte, wurde bei Hertz radikalisiert: ein Blick auf die eigene Heimat, oft aus der Distanz, von ganz oben, aus der Bergsteigerschau, wo die Luft dünn und die Sicht klar ist. Dann der Abstieg zu den Postfilialen, Grümpelturniergarderoben, den städtischen Grünzonen, zu den Museumsvitrinen, zu Baba und zu Bubu.

Kommentare sind überflüssig, die Szenen erklären sich selber. Die meist hochdeutsch gesungenen Hertz-Songs tragen Titel wie «Gottharddurchstich», «Astrogramm» und «Nimmerland» - man denkt an einige Buchrücken heimischer Provenienz, die einen schon seit Jahren vom Büchergestell her angähnen. Doch Hertz sind nicht nur gute Schweizer Literatur. Hertz sind Musik. Die kantige Gitarre von Ronnie Amsler reibt sich am Offbeat des Kartonschachtelschlagzeugs, darüber kreist die getriebene Stimme von Dominique Grandjean, der Bass wummert im Zickzack durch die Harmonien.

 Mit Abba und Schubert

 Sicher: Hertz waren Kinder ihrer Zeit, den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren. Devo, die Talking Heads, Ska und die Neue Deutsche Welle kommen einen in den Sinn. Die Coverversionen, die das Zürcher Quartett gerne spielte, zeigen aber auch einen anderen Hintergrund: Sie stammen von Abba und Schubert. Hertz liebten die Klassik. Und sie hatten Klasse: Immer wieder verblüffen die Melodien und Rhythmen des singenden Psychiaters Grandjean. Er repetiert und schläfert ein, reisst dann mit lang gezogenen Silben aus und hebt ab in den weiten Himmel, oben, beim Gotthardmassiv, wo von Fels und Eis das Echo herüberhallt.

Die jetzt auf Cyril Schläpfers CSR-Label erschienene Anthologie «Hertz - eine Auswahl» ist ein Stück Schweizer Musik, ein Stück Schweizer Geschichte, kurz: ein Stück Schweiz. Für Eingeweihte ist das Oeuvre der Band endlich auf einer CD mit 24 Titeln greifbar, eine Hand voll davon war bisher unveröffentlicht. Für Neueinsteiger bietet die von der Band selber zusammengestellte Kompilation die Möglichkeit, sich auf eine der abenteuerlichsten Schweizer Bands überhaupt einzulassen. Wie schrieben doch Hertz in einem selbst verfassten Manifest, anno 1979: «Musik zerschlägt die Zeit. Wir machen Schlager, wir machen Freizeit. Wir wechseln mit der Zeit. Wir glauben heute an morgen. HERTZ, DIE STIMME DER VERNUNFT.» 

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