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4 Männer mit Hertz

von Thoma Küng für 'Schweizer Familie' Nr.33, 17. August 1983

 

Das Trio Eugster und die Schweizer Milch finanzieren ihre Platten, die Migros organisiert gemeinsam mit der welschen «Sam Frank Band» eine Toumee durch alle Sprachregionen, Liebeslieder spielen sie nicht - Hertz ist eine wunderliche Popband.

«Willi Ritschard, Sohn des Ernst und der Anna Ritschard, Sozialdemokrat, volksnah, charismatischer Magistrat, liebt das Wandern, liebt Gespräche, johohoo» - wer hätte gedacht, dass der trockene Lebenslauf unseres beliebten Bundesrats einen Liedtext hergeben würde? Die Zürcher Rockgruppe Hertz kam auf diese seltsame Idee und landete mit ihrem «Willi Ritschard» beinahe in der Radiohitparade. Der «charismatische Magistrat» selbst gab sich im letzten Herbst diplomatisch: Das Lied sei «ä glatti Sach», auch wenn er Volkstümliches bevorzuge. Dass gerade er als Vorlage gedient habe, sei wohl eher Zufall, von Kurt Furgler oder Pierre Aubert liesse sich in ähnlicher Weise singen.

Mit diesem pfiffigen Stücklein, zu welchem rockbegeisterte Jugendliche umherhüpften, bewies das Quartett ein weiteres Mal, dass sie «die schweizerische, unsere Wirklichkeit widerspiegeln, ohne zu ironisieren oder kritisch zu durchleuchten». Ansonsten mögen es die vier Männer nicht besonders, wenn ihnen ein «allzu schweizerisches Image» umgehängt wird. Und doch passt eben einiges zusammen: Stücke wie «Jodel», «La Suisse», «Gottharddurchstich», «König der Schweiz» oder eben «Willi Ritschard» können nur aus unserer Umgebung stammen und sind erst noch in einer uns verständlichen Sprache gehalten - leider keine Selbstverständlichkeit.

Der Milchverband finanziert mit

Dass aber die Band, die nach eigenen Angaben «moderne Rockmusik» spielt, unter den Fittichen des Trio Eugster steht und ihre letzte Platte «4 Männer» vom schweizerischen Milchverband mitfinanziert wurde, erstaunt. So viel «Schweizerisches» kam noch bei keiner einheimischen Rockband zusammen. «Wir verschickten an alle Plattenfirmen Kassetten mit ein paar Stücken», erzählt der Bassist Martin Walder. «Alex Eugster zeigte einfach am meisten Interesse, kam in unser Übungslokal und fand unsere Musik schliesslich so gut, dass er uns einen Plattenvertrag anbot.»

In der Roten Fabrik in Zürich, dort wo sich die «Szene» trifft, die sich stets kritisch mit der Glaubwürdigkeit» einzelner einheimischer Gruppen auseinandersetzt, stiessen Hertz auch nach diesem Engagement nicht auf Ablehnung. Obwohl die Gruppe nun schon seit sechs Jahren existiert, fiel sie noch nie in Ungnade - und das will etwas heissen. «Wir wissen auch nicht genau, woran das liegt. Aber Presse, Publikum und Szene haben noch nie auf uns herumgehackt. Vielleicht auch deshalb, weil wir stets Nummer zwei waren, noch nie richtig Erfolg hatten und eben wirklich nur machen, was wir mögen.» So wurde auch die «Milchsubvention» nach Diskussion genehmigt, die Migros-Tour mit einer welschen Band dankend angenommen. «Bei vielen Plattenproduktionen steht letztlich ein Sponsor dahinter, da scheint uns Milch noch akzeptabel.»

So schwierig Hertz zu fassen sind, so ungenau lässt sich ihr Publikum beschreiben. Möglich, dass nur wenig Eingeweihte dem trockenen Sound ihre Liebe schenken, möglich aber auch, dass die Band nur einen einzigen Hit braucht, um von einem Publikum ins Herz geschlossen zu werden, das vom Rockfan bis hin zum aufgeschlossenen Volksmusikfreund reicht. Allerdings erwarten die vier Musiker, die laut Pressetext auf der Bühne wie «nicht mehr ganz junge Prokuristen wirken», keine Woge der Begeisterung. Der Gedanke gar, es könnte jemand mit Autogrammwünschen auf sie zukommen, macht sie verdutzt: «Das passiert uns doch nicht.» Auch von einer Karriere in Deutschland, die das finanzielle Überleben sichern könnte, spricht keiner: «Wir machen Musik, weil uns das gefällt - so banal das auch klingt. Wollten wir mehr, hätten wir doch längst keinen Schnauf mehr.» Entsprechend unverbraucht stehen sie daher auch auf der Bühne. Zwar musikalisch einwandfrei wie Profis, aber nervös, zurückhaltend und stets leicht verlegen - nein, so sehen gewöhnliche Rockstars nicht aus.

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