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Auf Kreuzfahrt im dampfenden Herzen der Finsternis

Von Philippe Amrein für Tagesanzeiger, 23.2 2008

Monumentale Melancholie: Cyrill Schläpfers Klangfilm im Kino

Natürlich ist dieser Mann ein Spinner. Denn welcher „normale“ Mensch würde ein ganzes Jahrzehnt seines Lebens dafür opfern, Klänge und Bilder von Dampfschiffen einzusammeln, um diese dann zu einem vielstimmigen Film zu collagieren? Da braucht es tatsächlich einen wie Cyrill Schläpfer, der sich aus der beschleunigten Zeit in eine Welt eintaucht, die es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Mitte der Neunzigerjahre begann Schläpfer sein Projekt am Vierwaldstättersee. Er sammelte die vielfältigen Geräusche der aus fünf Schiffen bestehenden Dampferflotte, das Rauschen des durchpflügten Wassers und den Klang des Windes, der in der Zentralschweiz besonders traurig über den See weht. Anschliessend verbastelte er die so gewonnenen Klänge zu einer monumentalen „Dampfschiffsymphonie“, wie er im Untertitel des zugehörigen Films vermerkt.

Ein Captain Ahab voller Liebe

Das Werk ist dem amerikanischen Schriftsteller Herman Melville gewidmet, und wie dessen Romanfigur Captain Ahab den weissen Potwal jagt, folgt Schläpfer den Seedampfern. Im Gegensatz zu Ahab wird er dabei freilich nicht von Hass getrieben, sondern von einer tiefen Liebe zur archaischen Schönheit der altertümlichen Schiffe, die auf dem düsteren Vierwaldstättersee kreuzen. Mit ihrem mächtigen Bug, den gekrümmten Nebelhörnern und den mahnend aufragenden Schornsteinen verströmen die Kolosse eine traurige Eleganz, eine metallene Aura der Vergänglichkeit, die Cyrill Schläpfer mit seinem Film in eine zeitlose Form überführt hat. Entstanden ist dabei ein „Space Odyssee, eine Irrfahrt, ein Horrorfilm, ein Swiss Darkness Video, eine psychedelische Pracht“, wie es der Musikkritiker Albert Kuhn zusammenfasst.

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