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Das Ding aus dem See

Von Christoph Fellmann für „NZZ am Sonntag“, 30. Dezember 2007

Über das, was er getan hat, will Cyrill Schläpfer lieber nicht reden. Man sollte sich das Ding halt anhören. Es klingt nicht barsch, wie er das sagt, vielleicht, kurz vor Ende von elf Jahren Arbeit, ein bisschen verzweifelt.

Das Ding ist eine Kiste mit vier CD und vier DVD, jetzt erschienen: „Die Waldstätte“. Darauf hört und sieht man die fünf Dampfschiffe der Vierwaldstätterseeflotte, dazu den See, die Ufer, gelegentlich ein Lebewesen. Und zu so etwas soll es keinen Erklärungsbedarf geben? Schläpfer kreiselt auf dem Drehstuhl einmal um die eigene Achse, hält am Mischpult an und löscht ein Nebelhorn, das in vorhin noch gestört hat: „Sicher geht es nicht darum, CDs zu verkaufen. Verstehst Du, es musste einfach gemacht sein.“

„Alles Geld verlocht“

Es begann im Oktober 1996, am letzten Tag des Sommerfahrplanes. Wie jedes Jahr trafen sich sich die Dampfschiffe, bevor sie in die Werft fuhren, über der tiefsten Stelle des Vierwaldstättersees zu einem inoffiziellen Hornkonzert. Cyrill Schläpfer wollte das aufnehmen, stellte auf den Schiffen und am Ufer Mikrofone auf. Aber der Wind verwehte das Gehorne, und als sich Schläpfer die Tonspuren vom Ufer anhört, stellte er fest, dass bloss die Touristencars mit ihren laufenden Motoren aufgenommen waren.

Doch er kehrte auf die Schiffe zurück. Luzern – Flüelen. Retour, jahrelang. Er stieg in die Schiffsrümpfe und Ankerschächte, horchte die Motoren ab, horchte aufmerksam dem Wasser zu. Und so sammelte sich eine „unvorstellbare“ Datenmenge an, die im verlauf der Jahre mehrmals auf neue Speichermedien übertragen sein wollte.

Cyrill Schläpfer sitzt im Tonstudio in Luzern, rudert mit den Armen wie mit zwei grossen Schaufelrädern und versucht sich zu konzentrieren: „Ich habe x Versionen von dem Zeug, back-ups in allen Varianten, es ist ein Albtraum. Dabei wollte ich am Anfang etwas ganz Einfaches. Am Ende habe ich alle Zeit und alles Geld in die sache verlocht.“

Irgendwann im November 2007 war die „Waldstätte“ fertig. Und Cyrill Schläpfer schrieb ins Büchlein, das den CD beiliegt: „Gwidmet: Moby Dick“. Nenn ihn Ismael oder meinetwegen Captain Ahab. Aber nennt Cyrill Schläpfer keinen „Tonjäger“ oder „Geräuschesammler“. Natürlich, der Musiker mit abgeschlossenem Studium in Berklee (Boston) hat auf seinem Label CSR Records Aufnahmen vom Tagesanbruch am Vierwaldstättersee oder vom Glockengeläut einer Kuhherde herausgebracht. Aber das blosse Geräusch ist es nicht, was ihn interessiert. Er kenne Bauern, die das „Glüüt“ auf ihren Weiden sorgfältigst aus verschiedenen Typen, Grössen und Legierungen der Glocken komponiert hätten. Auf Schläpfers Platten hört man Geräusche am Übergang zur vom Menschen gemachten Musik. Das können Kuhglocken sein, Dampfschiffe, die Mexikanische Geisterstadt, oder ein Naturjodel, der durch eine alte Muotathaler Gurgel aufsteigt (in seinem Film „UR-Musig“).

Gemeinsam ist all diesen Dingen, dass Cyrill Schläpfer ihnen gerne zuhört. Wenn er darüber schreiben muss, wie im Büchlein zur „Waldstätte“, nennt er es „Musique concrète“. Andere haben „minimal music“ herausgehört. Aber wenn man ehrlich sein will, sind es einfach Glocken, denen man beim Läuten zuhört, oder Geissen auf der Weide. Und darum geht es ja. „Geräusche können etwas erzählen“, sagt Schläpfer. „Nimm die Dampfschiffe: Sie sind hundert Jahre alt, und das älteste hat über zwei Millionen Kilometer auf dem Buckel. Natürlich ist das bestreitbar, aber für mich haben diese Schiffe eine Art Seele, und darum lohnt es sich, ihnen zuzuhören.“ Aber wolle er wolle nicht bedeutungsschwanger daherreden, meint er dann. „Im Prinzip ist es ja nur so, dass mir das gefällt.“

Gewidmet: Moby Dick

Schläpfers Freude an den Klängen ist beharrlich. Sturheit interessiere ihn, hat er einmal gesagt. Seine eigene macht ihm aber auch zu schaffen: Gelegentlich plagt ihn die Wut über das, was er macht, über den Irrsinn, elf Jahre an eine Sinfonie aus Dampfschiffgeräuschen zu geben. Ein „verkrüppeltes Digitalgewurst“ nenn er dann sein Tonmaterial, ein „Monster“ sein Werk. Fange der damit etwas an, dem es in die Hände gerät. Darum noch einmal: „Hören wir auf zu reden, hör Dir das Ding einfach an. Dann weißt Du, was es ist. Ob es überhaupt etwas ist.“

Man weiss nie, ob der Wal weiss ist, bis er aus dem Meer taucht. Hören wir also die „Dampfschiffsinfonie“, dass 70-minütige Kernstück der „Waldstätte“: Da ist ein Rauschen, ein leiser Schlag, plötzlich Rhythmus im Rauschen, dann ein langgezogener Hornstoss. Cyrill Schläpfer nutzt die Geräusch der urchigen Schiffe wie ein Orchester. Er arrangiert und loopt sie, verändert sie in ihrer Tonhöhe. Ein Schiffhorn kann wie eine Posaune klingen, wie eine Tuba oder, kurz geschnitten, wie eine Kesselpauke. Und immer hört man auch das Schiff und das Wasser. Was in 26 Sätzen folgt, ist verwirrend, gelegentlich verstörend. Allfällige Vorurteile, bei der „Waldstätte“ handle es sich um eine Art Walgesang oder dann um die Heimatkunde eines Nutty Professor, sind aber schnell ausgeräumt. Man hört dieser Musik mit weit offenen Ohren zu. Schon bald zieht eine eigentümliche, eine verborte Schönheit auf, und so vermelden wir an dieser Stelle gerne die Sichtung eines weissen Wals.

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