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Der Sog nautischer Klangwelten

NZZ/Feuilleton 13. September 2008, Neue DVD

Der Sog nautischer Klangwelten

g.z. Der Klang der Schiffshörner, wie sie einmal verloren wirkend seufzen und stöhnen, dann majestästisch ihre Ankunft signalisieren, muss tief in unsrem Innern verankert sein, in Erinnerungen an die Kindheit und an idyllische Seelandschaften, vielleicht steckt er auch in der Seele selbst. Schliesslich haben die fünf Raddampfer des Vierwaldstättersees, so meint Cyrill Schläpfer, auch eine Art Seele.

Der 48-jährige Musiker , Filmautor und Produzent hat ein gutes Jahrzent seines Lebens darauf verwendet, das Klanguniversum dieser Dampfschiffe und ihrer Umgebung en detail einzufangen und künstlerisch zu verwerten – mit einer gewissen Verbissenheit, aber auch mit sehr viel Liebe zum Objekt. Mn kann anhand der Gesamtausgabe von „Die Waldstätte“, die vier CD und 3 DVD umfasst, nur erahnen, wie viel Archivmaterial Cyrill Schläpfer aufgenommen hat. Es erklingen ja nicht nur die Schiffshörner und der scheifend-klatschende Rhythmus der Schaufelräder, sondern auch Pumpen und Ventile, scheppernde und ächzende Mechanik, die das Alter der rund 100-jährigen Ungetüme vermitteln, sie als eigentliche Lebewesen ausweisen.

Dokumentierte der aus Appenzell stammende Luzerner mit dem Film UR-Musig“ (1993) eine entschwindende Heimat mitsamt ihrer Kultur und Natur, so ist es hier eine Hommage an eine eigentlich abgeschlossene technische Epoche, eingebettet in durchaus heimatlich anmutenden Geräuschen des Vierwaldstättersees inklusive Vogelgezwitschern und Kirchenglocken.

Aus rund 8000 solcher Soundclips hat Cyrill Schläpfer die „Dampfschiffsymphonie“ geschafft, das Kernstück von „Die Waldstätte“. Er hat diese Klänge nur sanft bearbeitet und zu einer Art von naiver Musique concrète verwoben, die meditativ gemächlich dahin fliesst und einige Wehmut ausstrahlt. Und er hat dies Klangmontage mit bewegten und überlagerten Fotografien illustriert – meist berückend schön, manchmal auch mythisch überhöht oder psychedelisch verfremdet.

Dieser eigenwillige Bilderreigen lenkt jedoch auch von der Musik ab – mit gutem Grund gibt es neben der audiovisuellen DVD auch eine CD-Version. Erst ohne die visuellen Reize kann diese Klangcollage ihre suggestive Kraft voll entfalten und zum Soundtrack der eigenen Imagination werden, angetrieben von wieder aktivierten Erinnerungen. Die „Dampfschiffsymphonie“ mag keine komplexe Komposition mit raffiniert entwickelten Motiven sein, wie der Name erwarten lässt. Sie schafft mit einem grossen Spannungsbogen aber einen berauschenden Sog. Es lohnt sich also, bei der Filmaufführung gelegentlich die Augen zu schliessen.

Die Waldstätte, Regie: Cyrill Schläpfer, CSR Rercords 2008
Copyright © CSR Records