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Die Waldstätte : Wie ein kosmisches Murmeln

Von Pirmin Bossart für Luzerner Zeitung, 22. Januar 2008

Die Dampfschiff-Flotte und der Vierwaldstättersee auf vier CDs und 3 DVDs: Was muss man sich darunter vorstellen? Ein riesiges Archiv von Klängen und Bildern. Und ein Lexikon.

-pb. Und wieder hat sich ein Koloss der Tage und Nächte von Cyrill Schläpfer bemächtigt. Der Luzerner Musiker, Klangforscher und Filmemacher („Ur-Musig“) hat nach zehn Jahren Arbeit den Moby Dick seiner Dampfschiffträume vollendet: Ein gigantisches  Oeuvre, das sich mit einer  Klangwelt beschäftigt, die ebenso heimatlich wie ausserirdisch ins Ohr und in den Körper dringt.

Ungetüm

Schläpfer hat seit 1996 auf den Dampfschiffen des Vierwaldstättersees und in seiner Umgebung Klänge gesammelt. Die über 40 Stunden Klangmaterial hat er auf 4 CD und 3 DVD zu einer Mischung aus Tondichtung und Klanglexikon verdichtet. Ein audiovisuelles Epos aus den Tiefen der Zentralschweiz. Wer soll das je angemessen würdigen können? „Nicht normal, ich weiss“, brummt Cyrill Schläpfer.

Immerhin seufzt er schon weniger als auch schon, als ihn der Koloss noch fester im Griff hatte. Oft genug hatte er sich gefragt: „Was mache ich hier? Was habe ich nur für eine beschissene Mission.“ Er lächelt für eine halbe Sekunde. Es hat ihn in eine Sache hineingezogen, die harmlos begann und sich zu einem Ungetüm steigerte. „Ich musste es einfach durchziehen. Ich hätte mir das Scheitern  nicht zugestehen können.“

Bio-Droge

Das musikalische Zentrum seines Werkes ist die 70-minütige Dampfschiffsymphonie „Die Waldstätte“. Schläpfer hat in exzessiver Studioarbeit die Klänge der fünf Dampfschiffe und die Geräusche über und unter der Wasseroberfläche bearbeitet und zu einer intensiven „musique concrète“ montiert. Wer sich diesem Opus aussetzt, macht eine Reise, die man psychedelisch nennen könnte, auch wenn keine einzige Acid-Gitarre die Gehirnwindungen kratzt. Es ist pure Klangnatur, ganz ohne elektronische Effekte. Eine massive Bio-Droge.

Ein erhaben-melancholischer Grundton prägt die Symphonie. Manchmal liegt man wie betäubt auf Deck und fährt ins Nebelland am Bürgenstock, Klänge schweben, ein kosmisches Murmeln erfüllt den Space. Wasser tost, Wasser rieselt, dann zieht es einem in bedrohliche Tiefen, bis es wieder hell wird. Klänge als Körpererfahrung: Wie ein riesiges Urtier treibt die Musik in Zeitlupe unter Wasser von Luzern nach Flüelen, und man kann das Wesen von allen Seiten betrachtend hören.

Moby Dick

Schläpfer hat das Werk „Moby Dick“ gewidmet, dem Roman aller Romane von Hermann Melville, in dem Kapitän Ahab den weissen Wal jagt. Als Besessener ist sich der Klangforscher bei diesem Werk oft genug vorgekommen. Manchmal auch wie „Der alte Mann und das Meer“ von Hemingway. „Am Anfang hast du etwas an der Angel, von dem du nicht mehr loskommst.“

Ursprünglich wollte Schläpfer im Herbst 1996 nur das Hornkonzert der Dampfschiffe auf ihrem Heimweg in die Winterwerft aufnehmen. Aber dann wurde „dieses ganze Zeugs“ daraus. Endlos. Irgendwie wahnsinnig. Schläpfer winkt ab. Sein Hund, der ihn immer begleitet, schaut ungerührt und meint: So ist das halt mit ihm.

Lexikon

„Die Waldstätte“-Box besteht neben der Dampfschiffsymphonie aus drei weiteren Teilen: „An Bord – am Ufer“ zeichnet ein naturalistisches Porträt des Vierwaldstättersees in ganz verschiedenen Klangstimmungen. Auf „Die 5 Schiffe“ werden alle Dampfschiffe bis in die tiefsten Nuancen ihrer Klangkörper zerlegt.

Die vierte CD „Das Lexikon“ ist ein Dampfschiff-Tonarchiv, „das 99 Originaltöne und Geräusche der fünf Raddampfer Uri, Unterwalden, Schiller, Gallia, Stadt Luzern sowie die Pfiffe der kleinen Motorschiffe Rütli und Reuss“ beinhaltet. Wenn hier ein Dampferfreund nicht feuchte Augen bekommt, ist er vielleicht doch auf dem falschen Schiff.

SGV

Was meint die Schiffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee SGV zu Schläpfers Werk? Ist das nicht eine grandiose PR-Vorlage für die Seefahrer? „Was Herr Schläpfer da gemacht hat, ist spektakulär und sehr schön“ sagt Peter Rüegger, Leiter Marketing & Verkauf . Aber er hätte Bedenken, das eventmässig auszuschlachten. „Letztlich ist das ein kleiner Kreis von Leuten, den das interessiert. Aufwand und Ertrag würden nicht stimmen.“

Die SGV habe Anerkennung für Cyrill Schläpfer und ihn entsprechend immer unterstützt, wenn auch nicht finanziell. Peter Rüegger: „Wir betreiben grundsätzlich kein Kultursponsoring. Aber wir legen gerne die Bestellkarten auf unseren Schiffen auf und weisen auch auf unserer Homepage auf das Werk hin.“

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