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Interwiev von Frank von Niederhäusern für: RadioMagazin Juni 2008
 

1.       Wie kommt einer auf die Idee, eine Sinfonie aus Dampfschiffgeräuschen zu komponieren?

Ich liebe diese Töne, die Dampfschiffpfeifen sind Teil meiner akustischen Biografie.

2.       Was war die Initialzündung zu diesem Projekt?

Ein inoffizielles Hupkonzert der Dampfschiffe anlässlich der Verabschiedung des DS SCHILLER, als es in die Generalrevision ging, ca. 1995.

3.       In deinen Filmen und Musikproduktionen stand bisher meistens die Natur im Zentrum. Und nun Dampfschiffe: komplexeste technische Kreationen – weshalb dieser Wechsel?

Für mich ist das kein Wechsel, eher eine Kontinuität meiner Arbeit.

4.       «Die Waldstätte» sind eine Homage an die Dampfschiffe des Vierwaldstättersees. Was bedeuten dir diese?

Ich sehe diese Dampfschiffe als Gesamtkunstwerk, ein perfektes Design eingebettet im Vierwaldstätterse, in vollkommener Ästhetik.

5.       Den meisten Schweizern assoziieren diese Schiffe mit heiter-beschaulichen Sommertagen. In deiner Komposition erklingen sie als stampfende Ungetüme und unheimliche Geisterschiffe. Weshalb?

Sie sind beides: mich fasziniert auch die mystische B-Seite.

6.       In einem Interview sagtest du, du wollest die Seelen dieser Schiffe zum Klingen bringen. Wie meinst du das?

Nein, ich muss deren Seelen nicht zum Klingen bringen, denn sie klingen bereits seit hundert Jahren; ich habe bloss das Mikrophon auf dieses Phänomen gerichtet. Mich interessieren Töne, die eine Art „Seele“ haben und in einem Raum erklingen (der sog. Timbre). Jede Kirchenglocke hat eine Seele (vorausgesetzt sie waren oder sind in Gebrauch), oder auch das Rattern eines alten Schilter Trakor-Motors, der sich am Berghang abgerackert hat. Jede beliebige Sekunde Vogelgezwitscher, irgendwann und irgendwo ist einmalig und original.

7.       In manchen Passagen - vor allem auch in der DVD-Version - geht's gar ins Psychedelische...

...eben wie og.: die „Seele“....

8.       Verstehst du dich als Tonjäger oder -künstler?

Ich verstehe mich nicht als Tonjäger, die 2. Bezeichnung liegt nicht an mir zu vergeben...

9.       Wann und wie werden Töne zu Musik?

Ich versuche diesen Unterschied anhand eines Beispiels zu erläutern: Ich betrachte das natürliche Rauschen in einem schönen Blätterwald nicht als Musik (übrigens kein Musiker wäre imstande, je so ein schönes Werk zu komponieren). Aber angenommen, ein Mensch würde über sehr viele Jahre hinweg, an einem bestimmten Ort, speziell ausgewählte Baumsorten mit ganz unterschiedlichen Laubqualitäten anpflanzen; und macht dann viele viele Jahre später von seinem rauschenden Baumgarten eine Tonaufnahme, vielleicht würde er dies sogar bei spezifischen Windverhältnissen und Jahreszeiten tätigen: dann bezeichne ich dies als Musik. Dies ist in der Tat die entscheidende Frage und ist der wichtigste Prozess meiner Arbeit: wann wird aus Geräuschen Musik? Dieser Prozess kann sehr lange dauern, oft gelingt es nicht…

10.    Im Gegensatz zu deinen «Glüüt»-Projekten etwa, ist «Die Waldstätte» ganz klar eine Komposition. Bist du beim Komponieren von einer Struktur oder dem Material ausgegangen? Was war zuerst: die Musik in deinem Kopf oder die gesammelten Töne?

Zuerst die Töne (wie ein Maler; der braucht auch zuerst mal Farben). Dann arbeite ich mit den Tönen als Komponist im Dienste der alten Schiffe, ihre Dampfpfeifen, ihre Maschinen, die Glocken und des Wassers. Der musikalische und emotionale Gehalt ihrer Töne inspirieren mich, sie zu erforschen, dann neu zusammenzusetzen, zu kombinieren. Heikel wird dann die Arbeit am gesamten musikalischen Bogen: die Form (Konstruktion) und die Dramaturgie.

11.    Du hast während Jahren Aufnahmen gemacht und diese dann im Studio bearbeitet. Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Wie in einem Labor oder Werkstatt; man beschäftigt sich immer und immer wieder mit der Materie, man experimentiert, entwirft und verwirft...

12.    Bestehen die «Waldstätte» wirklich nur aus O-Tönen? Keine computergenerierten Geräusche oder Sounds?

Nur O-Töne, auch kein Echo, Hal oder Reverb; nur „pitch-shifting“ (Verschieben der Tonhöhen nach unten) und Überlagerungen der Töne.

13.    Wie gingen die Unter-Wasser-Aufnahmen vor sich? Mit Tauchern und Spezialmiks?

Hydromikrophone am Kabel herunterlassen. Dies war aber oft mit technischen Pannen und Störungen verbunden.

14.    «Die Waldstätte» besteht genau genommen aus der 70minütigen Sinfonie, die auch am Radio zu hören ist, und drei CDs mit weiteren Aufnahmen. Haben diese eine künstlerische oder rein dokumentarische Funktion?

Beides, sie sind als verschiedene Kapitel des Gesamtwerkes zu verstehen. Die dokumentarische Arbeit reizt mich im Grunde genommen gar nicht; sie muss einfach getan werden.

15.    In der CD-Box finden sich zudem DVD-Versionen mit bewegten und animierten Fotos. Konnte da der Filmer Schläpfer nicht widerstehen...?

Ich hoffte, das Bild könnte helfen, meine Idee besser zu transportieren.

16.    An welches Publiukum richten sich «Die Waldstätte»?

Dasjenige Publikum, an welches ich all die Jahre dachte, hat auf die Veröffentlichung nicht reagiert. Diese Frage sollte ich aus meinem Hirn eliminieren.

17.    Kannst du dich an die Reaktionen auf die Uraufführung erinnern?

Ja, es kamen 5 Personen.

18.    Wie zufrieden bist du mit der allgemeinen Resonanz?

Ohä !! Sie sprechen den wichtigsten Punk einer musikalischen Arbeit an: die RESONANZ. Nun, ich erlaube mir zu hoffen, dass sie sich langsam aufbaut. Naturgemäss benötigen tiefe Frequenzen eine längere Zeitdauer um zu resonnieren als hohe Frequenzen.

19.    Wurden «Die Waldstätte» überhaupt mal in deinem Sinne aufgeführt?

Nein, dazu bräuchte ich das „original  Instrument“; das Dampfschiff als 1. Geige.

20.    Bist du froh, dass sie nun am Schweizer Radio zu hören ist?

Ja, sehr!

21.    «Die Waldstätte» sind dein bisheriges Opus Magnum. Wie lässt sich das noch toppen?

Vielleicht Kammermusik mit Pedalos auf dem höhergelegenen Seeli auf dem Seelisberg, UR...

22.    Du hast 10 Jahre an den «Waldstätten» gearbeitet – was gab dir die Ausdauer und Energie?

Der Zwang: Was ich beginne muss ich zu Ende führen, sei es auch eine Furzidee.

23.    Was treibt dich grundsätzlich an bei deinen Projekten? Geld kann's ja nicht sein...

Eben: Dieser geschenkte oder verfluchte, manchmal folgenschwere Geistsblitz.

24.    Wie konntest du dieses Riesenprojekt finanzieren?

Vom Rest absparen.

25.    Wann und wo finden nächste Aufführungen der «Waldstätte» statt?

Am 29. August auf Schloss Megenhorn. (http://www.meggenhorn.ch/512.html)

26.    Zur Zeit weilst du zum x-ten Mal in Mexico. Welchen Tönen bist du dort auf der Spur?

Ich mache Aufnahmen von Ciggaras, eine mexikanische Heuschrecke, die jetzt in diesen Tagen in der Natur  ihre Konzerte geben. Sie wurden von den präkolumbianischen Kulturen verehrt, weil sie den Begin der Regenzeit ankündigen. Ihre Laute sind mit Nichts zu vergleichen: sie zwitschern oder kreischen fast wie Vögel, piepsen wie Mäuse, schreien wie Käuze, zirpen wie Grillen. in der Masse erzeugen sie einen faszinierenden Schallschwall mit der psychoakustischen Eigenheit, welche dem Zuhörer verunmöglicht, die Klangquelle zu örtlich lokalisieren....ufomässig!!!

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