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„UR-Musig“ ist der wichtigste Schweizer Musikfilm

Von Marcel Gamma für Aargauer Zeitung LIVE, 11.1.2006

Cyrill Schläpfers Film „UR-Musig“ rührt seit 1993 sogar Rocker zu Tränen – wegen eines Alphorns. Heute nimmt Schläpfer Morgenstille auf und ortet eine „Traditons-Abschaffungshysterie“.

Rigi, Sommer 2005: Vor der „Holderhütte“ lachen und trinken Unterländer mit Älplern, unten leuchten die Autos, ganz unten der See, drüben planscht ein Hund im Kuhtrog. Fredy Hess ergreift das Schwyzerörgeli und René Widmer den Bass; zwischen Ihnen, eine qualmende „Krumme“ im Mundwinkel sitzt – Cyrill Schläpfer. Seine Finger huschen über die Knöpfe seines Schwyzerörgelis und „Echo vom Höllloch“ von Rees Gwerder erklingt. Der Schottisch tönt merklich anders als das übliche Liedgut und Tracht trägt hier auch keiner.

„Ich habe 1989 beim Rees Gwerder begonnen zu schwyzerörgeln“, erklärt der 46jährige. „Es wurde meine Lieblingsinstrument, die traditionelle Schwyzer Volksmusik meine Lieblingsmusik und ich spiele regelmässig in dieser Szene.“ Ebenfalls 1989 startete Schläpfer – damals ein wenig bekannter Reggae-Schlagzeuger und Super-8-Filmer – sein Projekt „UR-Musig“; und der Luzerner schuf in vier Jahren den wichtigsten Schweizer Musikfilm.

„UR-Musig“ hält die wahren musikalischen Wurzeln der Schweiz fest, fernab der Definitionen von Mythenbauern, Volksmusikverbänden und Tourismus-Marketing.  Das bildgewaltige Tondokument zeigt zude, wie sich Natur und Kultur beeinflussen: Nebelschwaden wabern über die Matten Kuhglocken bimmeln, während die Zäuerli der Älpler ins Tal hinabhallen. Im Qualm von „Krummen“ örgelt Rees Gwerder den „Alpenblues“. „UR-Musig“ braucht keine Worte geschweige denn Erklärungen, damit hiesige Traditionen plötzlich lebendig scheinen, exotisch und mystisch zugleich. „Der Film UR-Musig“, schrieb die Zeitschrift „L’Hebdo“ richtig, „kann Sie zum Weinen bringen wegen eines Alphorn-Solos.“

„UR-Musig“ lief zweieinhalb Jahre lang jeden Sonntag im Kino, war in Polen zu sehen, in Kuba auch, und er hat viel ausgelöst. Rockfans erkannten in Rees Gwerder den John Lee Hooker der Alpen und hockten scheu im Restaurant Rietberg, wenn der Bergbauer mal zu Tanz aufspielte. „Ich stelle fest“, so Schläpfer, „heute gibt es UR-Musig als neues Volksmusik-Genre, eine Ländlerkapelle heisst so und die Jazzschule Luzern bietet Kurse für Schweizer Volksmusik.“ Rees Gwerder aber ist 1998 gestorben, die schönen alten Bauernhäuser aus dem Film sind verschwunden.

Schläpfer hat aus Geldmangel zwar keinen weiteren Film mehr veröffentlicht, aber von seinem Büro im Zürcher Langstrassenquartier aus vertreibt er CDs mit Ur-Volksmusik, Techno-Jodel, Pop-Sampler und wundersamen Klangwelten aus der Schweiz. Gerade verewigt er die Morgenstille in Mexiko auf CD und schreibt ein Buch über kubanische Perkussion. „Das Schwyzerörgeli ist immer dabei.“

Traditionen bedeuten Schläpfer dabei nach wie vor viel: „Mir ist es wichtig, mich zu einem mir vertrauten kulturellen Umfeld zugehörig zu fühlen. Aber das wird immer schwieriger, vor allem in einem kleinen Land wie die Schweiz. Das Land befindet sich in einer wahren Traditons-Abschaffungshysterie. Die jungen Schweizer heissen heute nicht mehr Sepp oder Vreni, sondern Kevin oder Samantha.“  

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