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CSR RECORDS : PRESSE-ARCHIV

"Wir üben jede Woche viermal"

von Albert Kuhn für "Die Weltwoche", 5.12.2002

Auf diesen Moment haben Journalisten gewartet wie Kinder auf doppelt Weihnachten: Man darf noch einmal von Hertz sprechen und damit von einem Quartett, das wie keine andere Schweizer Band Aussagen über ihr Land gemacht hat, die man auch in der Literatur so schnell und so knapp nicht findet.

Der Vorgänger von Hertz war die Gruppe Taxi, deren «Campari Soda» es erst zum Kultstatus und mittlerweile ins Bordmusikprogramm der Swiss brachte. Die Vorbilder von Hertz dagegen waren zwei so verschiedene Bands wie die New York Blasé-Rocker Ramones und die noch kühleren deutschen Kraftwerk. Die Hertz-Besetzung fast rockklassisch: Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang. Wobei der Sänger nicht über die Bühne tobte, sondern hinter einem Elektropiano stand wie der Lehrer hinterm Pult.

Hertz richtete es konsequent so ein, dass an der Band nichts Einzelnes zu bewundern war. Es gab da keinen blonden Publikumsliebling, keine speziell sonore Stimme, keine Solos und keine Show. Es gab in erster Linie die Songs und dann halt vier, die sie ausführten.

Nicht Band, sondern Bande

Die oberflächliche Sprödheit von Hertz stand im massiven Gegensatz zu ihrer Leidenschaft. Sie glichen einer Schulmannschaft, zusammengesetzt aus den schwächsten im Tschutten, die aber an vier Nachmittagen pro Woche trainierten und schliesslich irgendeinen Trick raus hatten, gegen den niemand mehr ankam. Hertz machten fast alles anders als irgendwer und standen doch auf der Bühne wie eine Eins - manchmal als Hasen verkleidet, zuweilen in galanten Jutesäcken. Sie setzten sich bewusst Lächerlichkeiten aus, repetierten minutenlang Gesangszeilen und wenn sie an Festivals spielten, dann fand das Publikum sie entweder die Allerbesten oder die totale Anmassung. Als würde man inmitten fünf Heavy Metal Bands Stiller Has programmieren.

Zusammen ergibt das den Effekt einer verrückten Collage, der man das erst nicht ansieht. Hertz verstehen es, vordergründig normal zu klingen, die Ohren zu erobern und dann den Kopf ganz schön damit zu beschäftigen, das Konstrukt wieder auseinanderzunehmen, ihm irgendeinen Sinn zu verleihen.

Hertz war eine Band, besser: eine Bande oder Clique, die sich einen Bruch nach dem andern vornahm und perfekt ausführte, ohne auch nur einmal erwischt zu werden. Sie coverten SOS von ABBA quasi als Tatsache, als objektive Musik und ohne jeden Anflug von Distanzierung, was aber sowohl die Punks als auch die Freaks jener Zeit erwartet hätte - wäh, ABBA!  In «Astrogramm» sangen sie: «Du bist hier irgendwer. Im Kräftefeld der Sternenwelt, Deine Welt.» Auch keine Astrologiekritik, wie politisch-korrekt zu erwarten wäre. Desgleichen in «Willy Ritschard», wo sie den Lebenslauf eines beliebten Bundesrates inbrünstig zu Rock'n'Ska kombinierten: Hertz-Songs haben keine Meinung, sind nicht pro und nicht kontra, geben keine Instruktionen und reiten keine Angriffe. Es bleibt einem nichts anders übrig, als sich selbst einen Reim zu machen. Mittels ein paar Schlüsselworten steckten Hertz die Felder ab für neue Gefühle und neue Gedanken. Das ist Poesie und mehr.

See, Grünzone, Gotthardtunnel, Alphütte. Hertz haben es geschafft, das Gefühl, in einer Schweizer Landschaft zu stehen, von patriotischem und idiotischem Ballast zu befreien, an völlig andere, gegenwärtige psychische Zustände zu binden und damit produktiv zu machen. Befreiende und nichtbevormundende Therapiearbeit via Musik.

Hertz verstanden sich als uniformierte Herolde, die mitteilten. In ihren Songs gibt es keine Ichs, kein Jammern, keine Kommentare, keine Gefühle, bloss Bilder und Handlung. Ein Gefühl wurde aber doch transportiert, weil diese Herolde ihre Arbeit eben gern machten. Dieses Gefühl war ein freudiges Erregtsein, manchmal euphorisch, manchmal am Rand der Verzweiflung.

"Die Stimme der Vernunft"

Ein Zitat aus ihrem als Inserat deklarierten Manifest aus dem Jahr 1981: «Musik schafft Klarheit und Klarheit berauscht. Der Rausch ist am hellichten Tag. Wir zählen jeden Schlag. Wir glauben an die Zahl. Wir üben jede Woche vier mal. Hertz, die Stimme der Vernunft.»

Heute schlagen Hertz dem Aktualitätsdenken ein Schnippchen, indem sie 24 ihrer besten Lieder zu einem Zeitpunkt veröffentlichen, wo ihr Sound schon etwas leicht Exotisches hat. Genau das Gewürz aber, das die Menschen brauchen, um das Sinnvolle, das Nährende, das Kräftigende schätzen und verdauen zu können. Es ist angerichtet. (Kunstsammler Obacht: das Cover ist von Peter Fischli).

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